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Superblock West – ein Versuch



Vom 16. – 22 September 2021 wurde in der Augustenstraße ein Superblock eingerichtet. Während der Mobilitätswoche Stuttgart, um mal zu testen, wie das so ist.

Was das ist, ein Superblock?

Das ist eine neue, anwohnendenorientierte Verkehrsführung. Lässt sich am besten in blockartig angelegten Straßenstrukturen durchführen, wie es im Stuttgarter Westen rund um die Augustenstraße der Fall ist. Oder wie in Barcelona, wo der erste Superblock entstand. Der entstand da nämlich gar nicht nur wegen des schönen Wetters, wie irrtümlicherweise oft angenommen wird, sondern weil sich das Konzept dort am besten umsetzen lässt und die Stadt in schlechter Luft zu versinken drohte. Superblocks entstehen inzwischen in Wien, München, Berlin, und da scheint auch nicht immer die Sonne.

Die Idee des Superblocks ist es, dass zwar jedes Haus noch mit dem PKW angefahren werden kann, es aber keinen Durchgangsverkehr mehr gibt, überall Schritttempo herrscht und der motorisierte Verkehr auf dem kürzesten Weg wieder zurück auf die umliegenden Straßen geführt wird. Für die Augustenstraße sieht das so aus:

Ein paar Stellflächen für PKW fallen weg, dafür entsteht Platz für Bänke zum Verweilen, Parkplätze für Räder und Lastenräder, Spielflächen und viel Grün. Die Aufenthaltsqualität im Viertel wird dadurch erheblich gesteigert und das Klima verbessert sich deutlich, Untersuchungen aus einem Superblock in Barcelona haben sogar gezeigt: Die Lebenserwartung der Anwohnenden im Superblock stieg im Durchschnitt um fast 200 Tage. Kein Wunder, ist es doch inzwischen bekannt, wie sehr Begrünung und Entschleunigung das Stadtklima verbessern, und schließlich wollen wir alle und unsere Kinder auch in 10, 20 oder 50 Jahren noch hier leben.

Super Sache also, so ein Superblock.

Wer das genauso super findet wie wir, kann bei der Bürgerstiftung Stuttgart für das Projekt voten, wir sind nämlich in der Kategorie “Innovation” für den Publikumspreis nominiert, unter Q wie Quartierswerkstatt: https://buergerpreis.buergerstiftung-stuttgart.de/

Wer kann schon da etwas gegen haben?

Nun, natürlich die, denen der Superblock auf den ersten Blick Unannehmlichkeiten bringt. Autofahrende, die andere Wege fahren müssen. Und Autofahrende, deren Parkmöglichkeiten eingeschränkt werden. Veränderungen sind oft anstrengend, und die Parkplatzsuche ist eh schon nervig genug im Stuttgarter Westen. Verständlich, dass da einige verärgert sind. War es doch bislang möglich, wenn auch mit etwas Sucherei, irgendwann einen Parkplatz in der Nähe der Wohnung zu finden. Während Kinder nicht vor der Haustür spielen können, eben weil da Autos stehen. Autos blockieren nicht nur Platz, sondern auch die Sicht, wenn man nur 1,20m oder kleiner ist. „Geht doch auf den Spielplatz“ mag da manch einer sagen. Da kann man natürlich nur „park doch im Parkhaus“ entgegnen. Denn es gibt kein Grundrecht auf einen Parkplatz in Wohnungsnähe, auch nicht mit Anwohnendenausweis. Der besagt nur, dass man in einem bestimmten Gebiet parken darf, ohne ein Parkticket lösen zu müssen. Einen Parkplatz hat man damit noch lange nicht „gekauft“. Die Stuttgarter Mobilitätswoche hatte zahlreiche Alternativen im Angebot, um neue Formen der Mobilität auszuprobieren, zB park & ride-Tickets, kostenfreien ÖPNV am Wochenende, verbilligte Tarife im Carsharing und einiges mehr, so dass es zahlreiche Alternativen zum gewohnten eigenen PKW gab.

Es ist übrigens für Familien ziemlich mühsam, für das kindnotwendige Spielen an der frischen Luft die Kinder samt Vesper  + Wechselklamotten einzupacken und auf einen Spielplatz zu ziehen. Was hinzukommt: das geht nur mit Eltern. Mal eben die Kinder vor der Tür spielen lassen – unmöglich auf der Augustenstraße.

Im Superblock war das möglich, eine ganze Woche lang. Es waren Parkplätze abgesperrt, um Platz zu schaffen und zack: Nachbar*innen haben sich einen Stuhl hingestellt, die Kinder mit Straßenkreide und Springseil ausgerüstet und es haben sich Menschen draußen kennen gelernt, die seit Jahren anonym nebeneinander wohnen.

Und es war ruhig. So ruhig, dass wir im Merlin tagsüber bei offenem Fenster dachten, es wäre Sonntag früh, dabei war es Mittwoch Nachmittag. Der Durchgangsverkehr fehlte, das Tempo der verbliebenen PKW war deutlich reduziert. Die Anwohnenden liefen, nein: schlenderten mitten auf der Straße, ließen kurz mal PKW durch, flanierten weiter. Ein alter Herr ließ sich mit seiner Brezel auf einem Parklet nieder und machte ein Päuschen, neben ihm ein junger Mann, der sich zum Telefonieren hingesetzt hat. Denn was erst im Superblock auffällt: es gibt auf der „normalen“ Augustenstraße keine einzige öffentliche Sitzmöglichkeit und keinen einzigen Baum. Man kann sich da gar nicht aufhalten, man kann da nur durchlaufen. Aber hier leben Menschen, Menschen, die nicht nur durchlaufen wollen, sondern Menschen, die sich auch aufhalten wollen. Während des Superblocks saßen, schlenderten, spielten hier Menschen, wo sonst PKW parken.

 „Straßen für Menschen“,

das ist der Slogan des Superblocks, und in nur einer Woche haben die Menschen eindrucksvoll bewiesen, was das heißt.

„Aber ich war darüber nicht informiert!“ schallte es uns im Infocafé des Merlin entgegen. Eine empörte Anwohnerin beschimpfte uns, noch bevor wir richtig geöffnet hatten. Die Quartierswerkstatt hatte sich wirklich die allergrößte Mühe gegeben, alle Beteiligten zu informieren. Den Anfang machte ein digitales Anwohnendengespräch im Januar, wo sich immerhin über 70 Anwohnende der Augustenstraße zugeschaltet hatten, und sie waren ganz überwiegend positiv gestimmt. Der Superblock wurde im Bezirksbeirat öffentlich besprochen, es wurden Flyer in alle Briefkästen verteilt, eine Website erschaffen, Stuttgarter Zeitung und Westblättle haben berichtet und auf facebook und Instagram wurden Superblock-Accounts angelegt. Natürlich gibt es immer jemanden, den man dann doch nicht erreicht. Aber dafür gab es während der gesamten Mobilitätswoche täglich von 14 – 22 Uhr ein Infocafé im Merlin, mit Ausstellung und Präsentation zum Superblock. Zahlreiche Anwohnenden haben diese Gelegenheit genutzt und wir haben sehr viele gute, ausführliche Gespräche geführt.

Natürlich gab es auch Hindernisse, die meisten ungeplant. Die Initiative „Quartierswerkstatt Augustenstraße“ hat ein halbes Jahr lang den Superblock geplant und mit der Stadt abgesprochen. Trotzdem fuhr in nur einer Woche gleich 4x die Abfallwirtschaft durch: Sperrmüll, Altpapier, Restmüll und gelber Sack. Die AWS war nicht informiert, konnte deshalb nicht umplanen und deren ahnungslose Mitarbeiter haben jedes Mal die Absperrungen weggeräumt und irgendwie wieder hingestellt. Das hat das Konzept der Schleifenstraßen ganz schön auf die Probe gestellt, denn eigentlich sollten die Absperrungen so stehen, dass PKW abbiegen müssen, Radfahrende aber durchfahren können. Das hat nicht immer funktioniert, und die Mitglieder der Initiative haben zT mehrfach täglich die Absperrungen wieder korrekt hingeschoben.

Auch war geplant, die Schleifenstraßen mit Blumenkübeln und aufwertender Stadtmöblierung zu gestalten. Die Stadt hat allerdings Baustellenbaken verwendet. Und zwar so viele, dass die Augustenstraße aussah wie ein Messegelände für Baustellenabsperrungen. Das war sehr schade und hat die großen Bemühungen der Initiative schnell verpuffen lassen zwischen rotweißen, blinkenden Schranken. Dass obendrein die Rotebühlstraße im selben Zeitraum gesperrt wurde, wurde überhaupt nicht von der Stadt kommuniziert. Dieser Ausweichverkehr und der Sperrmüll haben gleich am ersten Tag den Superblock in ein Superchaos verwandelt, und die schöne Idee des Superbocks schien verbrannt im Zorn der Anwohnenden und Autofahrenden, die sich ratlos im Stau wieder fanden. Auch die Meldung an google-maps brachte leider nicht den gewünschten Effekt.

Im Laufe der Woche aber haben sich die positiven Effekte des Superblocks gezeigt, wie oben beschrieben, und der Sonntag mit fast 1000 Kindern und ihren Eltern, die auf Rädern bei der kidical mass mitgefahren sind, mit Eiswägele, Außengastronomie, Spielmobil und strahlender Sonne hat den Block kurz in ein Straßenfest verwandelt.

Versuch macht kluch, sagt ein Sprichwort.

Wir wollen immer klüger werden und den Superblock-Versuch auswerten. Dazu laden wir ein zum

Anwohnendengespräch Superblock

am Sonntag, den 24. Oktober um 11:30 Uhr im Saal des Merlin

Kinder können während dessen im Café des Merlin die Sendung mit der Maus gucken.

Wir sehn uns!

Nach dem Superblock: die Kinder sind weg, die Parkplätze kommen wieder
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12 thoughts on “Superblock West – ein Versuch”

  1. Ralph Kulling sagt:

    Übrigens: Grundsätzlich finde ich es toll, wenn alle Befürworter solcher Ideen komplett auf ihre “Blechkisten” verzichten – ich gehe einmal davon aus, dass bei konsequent freiwilliger Einschränkung der “Autogegner” die Anzahl verwendeter und geparkter PKW gut 50% reduziert werden kann – Dann bitte aber auch gleich verschrotten und nicht verkaufen – ansonsten stehen die nämlich nur woanders.

  2. Raphael Dietz sagt:

    Super Projekt, Stuttgart braucht mehr davon und dann gerne dauerhaft, damit sich die Wirkung auch über einen längeren Zeitraum entfalten kann. Am Besten dann auch noch den Raum permanent umgestalten liebe Stadt, da ist so viel möglich. Spielplätze, Sportbereiche, Außengstronomie und und und!

    1. Ralph Kulling sagt:

      Sind Sie wirklich so bewegungsfaul ? Schon fußläufig können Sie sich doch bereits jetzt fast jeden Ihrer Wünsche erfüllen (Spielplatz, Sportplatz, Außengastronomie) und erst recht mit dem Fahrrad. Sie haben doch alles, was man sich nur wünschen kann in weniger als 10 Minuten Entfernung – wozu wollen Sie das dann zusätzlich noch vor der Haustüre – und dann auch noch als Konkurrenz zum Bestehenden – Strassenbewirtung gibt es doch schon reichlich.
      Übrigens: Ist das eine Aussage von Ihnen ?
      Unter Partizipation der BürgerInnen, Stakeholder und VertreterInnen der organisierten Zivilgesellschaft wurde das Strukturkonzept iterativ einer Bewertung und Überarbeitung unterzogen.

  3. christiane sagt:

    es war sooo schön 🙂 ich habe so viele nachbarn kennen gelernt, nette gespräche geführt. die kinder konnten direkt vor der haustür spielen und haben sich jeden tag hier im superblock verabredet. das leben wurde auf die straße verlagert. wir hatten die ersten bäumchen in unserer straße. es war einfach nur schön! hoffentlich wird es bald realität.

    1. Ralph Kulling sagt:

      Echt ? – Da war ich wohl blind.
      Treffen wir uns im Merlin am 24.10 ? Da können Sie mir ja mal Ihre tollen Fotos zeigen – ich habe auch welche

  4. Jan Niklas Caspers sagt:

    War super, hoffentlich bald für immer!

    1. Ralph Kulling sagt:

      Sie sind ja Anwohner – wie ich.
      Könnten wir uns einmal verabreden ?
      Ich würde schon gerne einmal wissen, was Sie hier “super” gefunden haben.

  5. Jochen sagt:

    tolles Projekt, war schön zu sehen dass es am Straßenrand was anderes geben kann als ungenutzte Blechkisten! Hoffe das Plus an Aufenthaltsqualität gibt es bald dauerhaft!

    1. Ralph Kulling sagt:

      Sie sind ja Anwohner – wie ich.
      Könnten wir uns einmal verabreden ?
      Ich würde schon gerne einmal wissen, was Sie hier “toll” gefunden haben.
      Nur ein Tipp: auch ich liebe Grün – Ruhe – Bäume – aber ich bin noch nie auf die Idee gekommen, das in den Straßen zu suchen. Straßen sind für mich der notwendige “Verdauungstrakt” einer Stadt – hier wird gebracht und abtransportiert – hier liegen alle Rohre für Abwasser, Strom, Gas, Telekommunikation, Wasser – absolut nicht vorgesehen als grüne Oase (die haben wir übrigens im Hinterhof und auf unserem Dach.
      Als Anwohner haben Sie es ja nicht weit: Besuchen Sie mich doch einfach mal zu einem Ideenaustausch.

  6. Ralph Kulling sagt:

    Mir wäre es ein Anliegen, dass Sie ehrlich berichten und keine Märchenstunde halten. Sie glauben doch wohl nicht, dass es hier keine Fotodokumentatione von der “gähnenden Leere” auf der Augustenstr. gibt – auf der Fahrradfahren sowieso grundsätzlich erlaubt ist.
    Zudem scheinen Sie nicht zu wissen, dass man nur wenige Meter zu gehen braucht, um in einen der noch existierenden Parks des Stuttgarter Westen zu gelangen, in denen das gewünschte Miteinander praktiziert werden kann – der Wunsch kann allerdings nicht so groß sein, wenn Sie einmal in die Parks hineinschauen. Und sie glauben doch nicht im Ernst, dass das “besitzen” einer Bank – von mir aus unter einem Bäumchen – in der Augustenstr. annähernd den Wohlfühleffekt hervorruft wie ein Spaziergang um die Bärenseen – über den “Blauen Weg”, auf den Birkenkopf oder über die nahegelegene Karlshöhe.

    1. Barbara Ulbrich sagt:

      Wenn man wirklich Anwohner der Augustenstrasse wäre, wüsste man, dass es in den Innenhöfen sehr viel Grün und Spielfläche gibt. Sogar ein Spielplatz über der Tiefgarage (Einfahrt Augustenstr 51). Ich glaube nicht, dass die Kinder, die dort Fußball spielen, lieber vor dem Haus auf die Straße gingen.
      Dann noch der Spielplatz am Eingang Reinsburgstr. auf dem wir zum ersten Mal seit Jahren zu Zeiten des lockdowns und Kitaschließung tatsächlich Kinder gesehen haben.
      Inzwischen wieder -fast immer- leer.

      Da wir an dem Wochenende leider nicht in Stuttgart waren, suche ich -vergeblich- nach einer Fotodokumentation der spielenden Kinder auf der Straße und der gesellig zusammen sitzenden Nachbarn (außer dem Bereich vor Merlin).

      Wir werden immer wieder beneidet, dass wir in der Innenstadt einer Großstadt wohnen, alles notwendige zu Fuß erledigen können und trotzdem zu Fuß in wenigen Minuten im Grünen sind.

      Ich kann nur empfehlen, sich mal das Luftbild des Bereichs anzuschauen.

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